Der Autor Marco Mehring ist freischaffender Schauspieler aus Hamburg. Seit kurzem findet man ihn auch bei Twitter unter @marcomehring.
Wer Schauspieler ist, und sich schon einmal persönlich bei einem Caster vorgestellt hat, kennt das Szenario: Man wird in einen Raum geführt: Schreibtisch, Rechner und Regale. Ganz viele Regale. Hohe Regale. Gefüllt mit Demovideos unzähliger Schauspieler.
Als ich das erste Mal so einer Situation ausgesetzt war, habe ich erst mal nicht schlecht gestaunt. „Wer schaut sich DAS alles an?“ Und: „Das muß ja eine Unmenge an Geld verschlungen
haben, falls jeder Schauspieler an jeden Caster eins von diesen Hochglanzdingern verschickt.
Jährlich!
Eine DemoDVD kostet im Schnitt 10 Euro. Mehr oder weniger. Dazu zählen noch nicht die Produktionskosten, für die man auch noch einmal 50 – 200 Euro berappen muß. (Schnitt, Musik, Ausspielung etc). Nicht zu unterschätzen der Zeitaufwand. Dazu der Druck des Covers, Aufdruck auf der DVD, eventuelles Inlay. Manche Cutter machen daß Inklusive, der Großteil der Kollegen jedoch geht aber zu einer
Druckerei und lässt es sich manuell anfertigen.
Die meisten Agenturen machen Massenaussendungen, bei denen sich der Schauspieler mit einem „Obolus“ beteiligt, bei vielen muß der einzelne Schauspieler aber die Unkosten tragen. Bei geschätzten 100 Castern (Werbung, Film, TV) kommt man auf 1000 Euro. Falls man keine Agentur hat, und eine sucht, kommt man nochmal auf 100 Agenturen, bei denen man sich bewerben kann. Und noch einmal kann man 1000 Euro ausgeben. Dazu kommt noch das Porto, mit eventuellem Rückumschlag. Ok…von den Photos wollen wir jetzt nicht sprechen. Das ist ein anderes ThemaJ
Soviel zur „Offlinewelt“, dem DVD Showreel.
Nun zur „Onlinewelt“, dem Webvideo
Natürlich ist es selbstverständlich, sich online zu präsentieren. Dazu gehört auch ein Online –Webvideo. Das zu erstellen kostet meist einen Bruchteil dessen, was ein „Offlinedemo“ kostet. Man braucht einen fähigen Cutter mit Sinn und Verstand, gerade im Hinblick auf Szenendramaturgie und Komposition, das eigene Material und nach ein paar Stunden hat man das fertige Showreel in der Hand.
Das gibt man dann seiner Agentur, die es bei sich auf der Webseite online stellt oder man bindet es bei
Youtube| (HD Qualität; auch in Vollbildfunktion; Iphone und Ipad kompatibel)
Vimeo | ( HD Qualität; auch in Vollbildfunktion; Iphone und Ipad kompatibel)
Dailymotion | ( HD Qualität; auch in Vollbildfunktion; Iphone und ipad kompatibel)
ein.
Wer das nicht möchte oder kann, gibt sein Showreel dem Team von Schauspielervideos das es in ein Flashformat umwandelt und online stellt. Das Besondere hier ist vielleicht die Kapitelfunktion, die das „skippen“( wie bei einer DVD) von Szene zu Szene einfach macht.
Seit kurzer Zeit ist Schauspielervideos auch mit Crew – United verbunden und hat sich im Zuge des Zusammenschlusses ein paar „Schmankerl“ ausgedacht. Hier das Tutorial „Die Vita lernt
laufen.“
Weitere Möglichkeiten sind natürlich Filmmakers (http://www.filmmakers.de/filmmakers/), CastForward(http://www.castforward.de/) , das Tool der Caster der UFA, die heute schon auf
DVD´s verzichten. Director´s Cut (http://www.directorscast.de/), die Castingdatenbank der deutschen Film und Fernsehregisseure.
Wie ihr seht, sind die Möglichkeiten gegeben, sich ordentlich, mit wenig Aufwand und wenig Geld, zu präsentieren.
Also was denn nun?
Ein „Offlinevideo“ ( DVD Showreel) UND ein „Onlinevideo“ ( Webvideo)?
Meine Erfahrung ist, dass einem eingeredet wird, dass beides notwendig ist, um „wahrgenommen“ zu werden. Die Argumentation ist oft, dass man bei einer DemoDVD ja etwas „in der Hand“ hat und es überall hin mitnehmen kann. Das Argument zählt nicht. Digitale Medien kann man auch überall hin mitnehmen, außerdem kann man das Webvideo per Email verschicken oder es zum Download bereitstellen.
Suggestion ist in unserer Branche die Kraft, die Menschen rennen läßt: „Du brauchst Ausbildung, Fortbildung, Homepage, Sprachdemos, DemoDVD, Webvideo, PDF Vita, und so weiter und so fort.“
Außerdem tausend Kenntnisse in tausend Angelegenheiten. Und viele Kollegen machen das gerne und schlucken alles, was von ihnen verlangt wird.
Leider wird selten daran gedacht, dass dies alles viel Geld kostet. Jeder möchte arbeiten, jeder möchte ein Stück „Ruhm“, ein Stück Erfolg, ein Stück vom Kuchen abhaben. Wenn man einige Jahre im Geschäft ist, kann man ja einmal eine „Soll und Haben“ Rechnung aufstellen, um zu sehen, was man investiert hat, und was man „zurückbekommen“ hat. Rein monetär, versteht sich.
Wir Schauspieler werden oft unterbezahlt, die Meisten haben Zweit oder Drittjobs um über die Runden zu kommen, geben aber ihre Leidenschaft zum Beruf niemals auf. Wir leben in einem digitalen Zeitalter. (Fast) jeder kann spielend mit einem Computer umgehen. Viele bauen und basteln sich ihre Webseiten schon selbst und fangen an, sich mit Schnittprogrammen auseinander zusetzen, haben „Highend“ Drucker zu Hause, kurz ihr eigenes Büro, wo im Mittelpunkt der PC oder der Mac steht. Wir leben nicht mehr in Zeiten, wo man sich über ein Modem einwählt und die Darstellung eines Videos Minuten oder gar Stunden braucht. Alles geht in Sekundenschnelle.
Warum dann nicht endlich auf die DemoDVD, das „Offlinevideo“ verzichten?
Nicht nur der Umwelt wäre ressourcenmäßig damit geholfen, sondern auch dem Geldbeutel des Schauspielers und der Platzkapazität der „Entscheider“. Ein Kollege sagte letztens zu mir: „Die Melkkühe der Nation sind nicht die Autofahrer, sondern die Schauspieler.“ Das ist vielleicht ein wenig provokant, habe dem aber nichts hinzuzufügen, außer das jeder darüber nachdenken sollte, ob er wirklich BEIDES braucht. Wie einfach wäre es, wenn alle Caster und Agenturen in Zukunft das Webvideo als das ansehen, was es ist: das Medium der Zukunft.
Verhältnisse lassen sich ändern!